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SOS aus S036 Berlin-Kreuzberg und Umgebung 1977 bis 1979 -
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SOS aus S036 Kreuzberg und Umgebung 1977 bis 1979

„SO 36“, so die amtliche Bezeichnung des ehemaligen Bereichs des Post-Zustellamtes im südöstlichen Teil Kreuzbergs, also das Areal um das Kottbusser Tor herum. SO 36, das war seit Jahrzehnten schon ein schlecht beleumundetes Viertel im westlichen Teil Berlins. Dies erst recht zu jenem Zeitpunkt, als ich gegen Ende der siebziger Jahre dort die nachfolgenden Fotos machte. SO 36 war aus bürgerlicher Sicht einfach pfui.

Einstmals, nach Entstehung Kreuzbergs (in der sog. Gründerzeit des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts) galt das von der Nauny-, der Manteuffel-, der Wrangel- und einer Reihe anderer Straßen und Plätze gebildete Viertel und dessen Umgebung als ein geschätztes Wohnquartier. Zur Bewohnerschaft gehörten damals vielfach Offiziers-Familie des preußischen Adels und andere wohlhabende Bürger. Mit dem drastisch geänderten Verlauf der deutschen Geschichte aber (Erster Weltkrieg, die sog. Revolution von 1918) büßte das Quartier schon in den zwanziger Jahren sein Ansehen ein. Es sackte sozial ab.

Anders als etwa das SW 61, der Bereich des Post-Zustellamtes im Südwesten Kreuzbergs, blieb SO 36 von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, ebenso von der vom Bauhaus inspirierten Fassendenbereinigung der dreißiger und nachfolgender Jahre, aber (vielleicht gerade deshalb) ging der Wirtschafts-Aufstieg der BRD (und Westberlins) in den fünfziger und sechziger Jahren an SO 36 vorbei.

Architektonisch gesehen, war das zugleich eine Chance. Armut kann bekanntlich im Städtebau der beste Denkmal-Schutz sein. So blieben etwa die schon im Krieg verschonten schmuckreichen Fassaden und das reiche Dekor in Straßen und Plätzen (Laternen, Denkmäler u.ä.) auch jetzt weiterhin erhalten.

Im Berliner Senat freilich stellte man sich anders dazu. Es gab Anfang der siebziger Jahre den Plan einer grundlegenden Sanierung des „herunter gekommenen“ SO 36. Es soll im Senat, wie es damals in der Press hieß, gar über eine Flächensanierung nachgedacht worden sein.

Widerstand dagegen gab es aus der eingesessenen Bewohnerschaft nicht. Dies schon gar nicht von den Eigentümern der Häuser. Sie sahen angesichts des wirtschaftlich aufstrebenden Westberlins in den Gründstücken der Häuser ihrer zum Zentrum Westberlins nahen Lage wegen eine Goldgrube. Das heißt, Abriss und Neubau versprachen einen guten Gewinn.

Wohlhabende Bürger kannte das Viertel eh schon langer nicht mehr. Eine Abwander-Bewegung unter etwas besser gestellt Bürgern gab es zuvor schon - dies um dem Altbau zu entkommen, in den seit Jahrzehnten nicht mehr investiert worden war. Ja, und wer es sich von den noch verharrenden Bewohnern leisten konnte, verließen SO 36 spätestens jetzt.

Nachzogen seit Anfang der sechziger Jahre Arbeits-Migranten, da insbesondere Türken. Zeitgleich lockte Leerstand Künstler, Musiker, Theater-Macher aus der Alternativ-Szene an, zudem Reste aus dem extrem linken Lager der Achtundsechziger Bewegung, wie da waren „Marxisten-Leninisten“,„Anarchisten“, „Arnarcho-Syndikalisten“, Trotzkisten usw.

Anders als die zurückgebliebenen deutschen Bewohner waren den Hauseigentümern die Türken durchaus willkommen, nämlich dies zum weiteren Herunterwohnen der Häuser. Hierüber wäre die Genehmigung für den Abriss schneller zu beschaffen. Abriss, das war vom Senat und der Bezirksverwaltung gewollt, dagegen stand aber dem Gesetz nach eine nicht zulässige Vernichtung von Wohnraum - nicht zulässige, solange dieser ein menschenwürdiges Wohnen erlaube. Dass den Häusern die Eigenschaft "menschenwürdig wohnen" genommen werde, dafür sollten zynischerweise die Türken sorgen, d.h. "die Primitiven aus dem fernsten Anatolien", wie man sie einschätzte, .

Die türkischen Neubürger kamen dieser Erwartung nicht nach, sie richteten sich in SO 36 ein, machten das Viertel zu ihrem Kietz.

Zu dem Zeitpunkt entdeckte ich Kreuzberg, und zog mit meiner Kamera nach dorthin los. Unter meinen Leuten daheim traf ich damit auf Befremden: „Was hast du nur in dem miesen Kreuzberg zu suchen?“ hieß es so oder ähnlich.

Nun, ich mache im Fotografieren gerne das zum Thema, was es irgendwann nicht mehr geben oder etwas ganz anderes sein wird. „Istanbul“, „Palast de Republik“, „Bruchhausen in Duisburg“ usw. Thema sind mir oft auch das, was abseits des allseits Beachteten liegt wie „Grafittis“, als noch keiner über sie sprach (oder wenn, sie verfluchten), oder „Denkmäler, Skulpturen“, die ohne große Namen sind.

Neu ist das Arbeiten mit solchen Themen nicht, aber manchmal bin ich der Erste, wie etwa mit dem SO 36 der siebziger Jahre.



Freistadt Kreuzberg
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