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Von Schmiererei zu Streetart - Grafitti Tagging Wandgestaltung -
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Von Schmierei zu Streetart – Graffiti, Tagging, Wandgestaltung

Großflächige Wandgestaltung, man kennt sie beispielsweise als Fresken aus der Antike, der Renaissance; man erinnert sich an die politisch agitierende Wandmalerei im Chile Allende’s, im Portugal der Nelkenrevolution (hier noch mit Kreide Öl-, Acrylfarbe); man hörte/sah im Fernsehen von dem Graffiti Bombing in den U-Bahnen New Yorkers. In Deutschland begann es in der Folge von „68“ mit flüchtig an Wände, Brücken u.ä. geworfenen politischen Botschaften, Parolen. Hier war noch der fette Edding das Werkzeug.

Solches ging über in Narrenhände, wie es dem Bundesbürger schien, sprich, wurde zur Kultur der (aufmüpfigen) Teens. Sie selbst nannten das ambitiös backstreet-, sub-, underground-culture. Den Edding tauschte man gegen die Spraydose. Man suchte das Abenteuer (wer kann höher, gewagter sprayen), betrieb es als Spiel (nicht erwischt zu werden) und ließ nebenher Wut ab (gegen den Spießer). „Schmiererein“, „bösartige (gesetzeswidrige) Verunstaltungen“, so das öffentliche Urteil.

Wie gewandelt das Urteil heute! „Streetart“, Straßen-Kunst als Element der sog. „urban art“, der Stadt-Kunst. Den Durchbruch brachte wohl der Fall der Mauer in Berlin. Kaum war sie weg, setzten Klagen um den Verlust ein, nein, nicht um den der Mauer selbst, sondern um das, was ihr aus den Spraydosen der „Underground“-Szene so reich Farbe gegeben hatte (und bisher als Schmiererei geschmäht worden war). Künstler aus aller Welt kamen herbei und gaben den noch stehen gebliebenen Resten der Mauer die Farbe zurück, d.h. machten Beton zu ihrer Staffelei.

Entstanden war darüber die sog. East Side Gallery, die inzwischen von Millionen an Touristen besucht wird. Gleiches geschieht anderswo. Große Namen wie Blu, OsGemeos usw. sprayen in Berlin, ziehen Tausende an Betrachtern, an Fans an. So hat der Kunstbetrieb nach der Sprayer-„Schmiererei“ gegriffen, ihr zur Würde einer Kunst, der Straßenkunst, (Streetart) verholfen.

Sie aber den Regeln des Kunstbetriebs zu unterwerfen, das gelingt nicht, kann nicht gelingen. Für Streetart gibt es keine Zulassungsbedingungen (Begabungsnachweis, Empfehlungen, Akademiestudium). Jeder darf, soweit er das Geld für die Spraydosen hat (und flinke Beine, soweit er an noch nicht freigegebenen Orten sprayen will). Alles ist erlaubt, kein Stil verboten. Jeder sprayt so wie er es kann, wie er selbst (und die Kumpel) es für gut befindet. Den Kunstkritiker kennt man nicht oder, wenn ja, interessiert sein Urteil nicht. Die Galerien, das sind Bahnstrecken, Abrisskomplexe - selbst gewählt und kostenfrei.

Ja, und Streetart lässt sich nicht vermarkten, mit ihr lässt sich nicht handeln, ist kein Investitionsobjekt, denn Mauern, Beton, Schallschutzwände lassen sich nur schwer davontragen, in Galerien ausstellen, in Banken präsentieren, auf Kunstmessen anbieten.

Vom unstbetrieb wahrgenommen, namhafte Künstler bedienen sich der Technik (Spraydose auf Mauerflächen), Sprayen ist an verschiedenen Kunstakademien ein Lehrfach geworden, und dennoch widersetzt sich die Streetart der Domestizierung, bleibt eine von Fesseln freie Kunst.

Freilich, so mancher Sprayer fragte heute wieder nach der Fessel, will sagen, fragt nach Geld. Streetart bastardisiert vielerorts zur Auftrags-, zur Gebrauchskunst. Überall sieht man sie jetzt als Kunst im Dienst eines Auftraggebers: Mit der Spraydose Gestaltetes an Schulen, Kindergärten, an Transformatoren-, Toilettenhäuschen, an Büro-, Fabrikgebäuden (hier oft als Werbegrafik). Das Produkt nennt sich nicht mehr Graffiti, sondern „Wandgestaltung“. Durchaus Schönes lässt sich darunter finden, Könner sieht man da am Werk, aber das Originelle, oder, nenne ich es, Naturwüchsige fehlt.

Ich habe über Jahre auf Fototouren Graffiti und Taggings (Kalligraphien), Wandgestaltung abfotografiert – dies hauptsächlich in Berlin, Freiburg und Düsseldorf. Ich denke, dass ich darüber so ziemlich die ganze Bandbreite an Ausdrucksformen eingefangen habe.

Die Malerei, zumindest die des Neunzehnten Jahrhundert oder die der Klassischen Moderne scheint darin noch ein weiteres Mal erfunden zu sein: Courbet, Spitzweg, Russeau, Feiniger, von Gogh, Picasso, Munch, Beckmann und andere Große treffen wir in Ansätzen wieder. Vertraut auch Gestalten aus Comic Strips, wie Donald Duck, Superman oder ihnen in der Technik nachgestaltete Figuren – dies in der Tendenz zur Karikatur.

Längst Bekanntes nur abkopiert, nachempfunden? Nein, zu den verschiedenen Ausdrucksformen und Motiven hat der Sprayer wohl eher selbst gefunden – dies als seinen ganz persönlichen Stil. Was unumstritten neu ist, dass statt des Pinsels die Spraydose das Werkzeug, und dass das Atelier die Straße ist. Eine Überraschung auch, wie virtuos viele mit der Spraydose umzugehen verstehen.

Welche Leute es sind, die heute hinter der Streetart stehen, darin mangelt es mir an Einblick. Sicher ist nur, dass neben die Turnschuh-Sprayer inzwischen der Profi getreten, die Szene so ein stückweit verbürgerlicht ist. Bedauern muss man das nicht. Platz gibt es für beide Seiten. Freilich mit dem Vorsprung im Handwerklichen sind es die Profis jetzt, die die Aufmerksamkeit, den Beifall auf sich ziehen.

Die Könner aber, sind das nur die „Studierten“? Kreativität, Meisterschaft im Umgang mit der Spraydose spricht auch aus vielen Graffiti, die von Ort und Motiv her einen Turnschuh-Abdruck zeigen.

Nachbemerkung: Ich habe mir den Spaß erlaubt, zwei Aufnahmen von Wandmalereien aus der DDR-Zeit mit in die Sammlung hineinzunehmen. Zu betrachten sind sie in einem Wandelgang des Finanzministeriums in Berlin.




Berlin East Side Gallery
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